Neue Verlagswege. Urs Engeler setzt seine Tätigkeit fort

rbl. (d.i. Roman Bucheli in der Neuen Zürcher Zeitung vom 16. Juni 2010) – Gut ein Jahr ist es her, dass Urs Engeler mitteilte, er würde seine verlegerische Tätigkeit einstellen bzw. auf ein Minimum reduzieren. Er sah, nachdem er die Unterstützung seines Mäzens verloren hatte, keine Möglichkeit mehr, die Geschäfte fortzuführen. Er müsse aufhören – oder andere Wege beschreiten, sagte er damals. In der Zwischenzeit ist zwar aus seinem Verlag noch das eine oder andere Buch erschienen. Es waren dies lediglich noch kleine Rauchzeichen. Indes das Feuer ist nie ausgegangen: weder bei Urs Engeler, dessen Leidenschaft für das Buch und zumal für die Lyrik unerschöpflich scheint, noch bei den Autorinnen und Autoren, für die jedoch der ebenso exquisite wie kompromisslose Kleinverlag oft die einzige Adresse für ihre nicht weniger exquisite und kompromisslose Lyrik war.

Nun scheinen sich jedoch eine Art Fortsetzung des Bisherigen in beschränkten Rahmen und ein Neuanfang mit anderen Mitteln abzuzeichnen. Urs Engeler wollte und konnte davon nicht lassen, was er mit Herzblut und Verstand am liebsten tut: Bücher machen. In seinem neu gegründeten Engeler-Verlag werden zwar weiterhin gelegentlich Bücher erscheinen – demnächst etwa Arno Camenischs Zweitling «Hinter dem Bahnhof» – und über die üblichen Vertriebswege in die Buchhandlungen gelangen. Gleichzeitig wird die Backlist des früheren Verlags Urs Engeler Editor weiter bewirtschaftet. Alle anderen Bücher aus seiner Werkstatt aber wird der unermüdliche Büchermacher fortan im Direktvertrieb an die Leser verkaufen. Unter dem Namen Roughbooks verlegt Engeler in Zukunft Bücher im einheitlichen Kleinformat, die er im Digital- statt Offsetdruck günstiger und in kleinerer Auflage herstellt. Sein Publikum will er direkt über das Internet erreichen. Den teuren und für den Kleinverlag ebenso aufwendigen wie vielfach vergeblichen Weg über den Buchhandel könne er sich nicht mehr leisten. Damit hat sich Engeler mit dem Direktvertrieb über das Internet für genau jenes Geschäftsmodell entschieden, das Egon Ammann vor Jahresfrist, als er seinerseits das Ende seines Verlages bekanntgab, als einziges erfolgversprechendes für kleine und mittlere Verlage mit literarisch anspruchsvollem Programm bezeichnet hatte.

Halbjährliche Verlagsprogramme wird es nicht mehr geben, vielmehr wird Engeler ein Buch nach dem anderen produzieren. Gleichzeitig möchte er auch die Autoren stärker in die Verlagsarbeit und Verantwortung einbinden, indem sie die Herausgeberschaft für einzelne Bände übernehmen und diese dann auch inhaltlich begleiten. Vorerst sind u. a. ein Gedichtband von Elke Erb und ein neues Buch von Bruno Steiger geplant. Als erstes «Roughbook» in neuer Aufmachung und also auch ohne ISBN-Nummer ist von Christian Filips der Gedichtband «Heisse Fusionen» erschienen. Mit Sprachwitz und bissigem Sarkasmus bannt Filips die Phänomene der Wirtschaftskrise in poetische Abbreviaturen mit gelegentlich köstlichen und manchmal bitterbösen Pointen. Eine «heisse Fusion» freilich verspricht auch Urs Engelers sowohl aus verlegerischer Not wie aus dem Reichtum der Lyrik geborenes neustes Verlagsprojekt zu sein; ob sich die Spekulation auf steigende Kurse der Gedichte am offenen Markt auszahlt, wird sich weisen. Dem Verleger und nicht zuletzt den Autoren ist es zu wünschen.

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Ein Kommentar zu „Neue Verlagswege. Urs Engeler setzt seine Tätigkeit fort

  1. Den „kleinen Rauchzeichen“ muss ich widersprechen: Im Herbst 2009 sind bei Engeler Editor die folgenden Bücher erschienen:

    Kurt Aebli: Der Unvorbereitete

    Michael Donhauser: Nahe der Neige

    Werner Hamacher: Für – Die Philologie

    Pier Paolo Pasolini: Dunckler Enthusiasmo. Friulanische Gedichte, übersetzt von Christian Filips

    Thomas Schestag (Hrsg.): philo:xenia

    Ulrich Schlotmann: Die Freuden der Jagd

    Bruno Steiger: Zwischen Unorten. Über Literatur und Kunst

    Ulf Stolterfoht: fachsprachen XXVIII-XXXVI

    Ulf Stolterfoht und der Lyrikkurs des Literaturinstituts Leipzig präsentieren: Cowboylyrik

    Andrea Zanzotto: Planet Beltà Bd. IV, Die Welt ist eine andere. Poetik, übersetzt von Karin Fleischanderl (gemeinsam mit dem Folio Verlag Bozen und Wien)

    Jedes dieser Bücher könnte einen Brand in Ihrer Bibliothek auslösen.

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