EIN ROHES SPIELCHEN (versüßt mit Rosinen)

Eine streunende Verspätung (alle Vorträge verpasst bis auf einen!) führte mich am Ende über viele Treppen doch noch ins Kasino, wo der Verdächtige zwischen Rouge und Roulette „Manipulationen am Kessel“ gestand. Ich, die ich in dieser Sache ganz unbeteiligt war, setzte auf: „Rinderhack, das roh gegessen wird“ – und gewann damit zirka 14.000 Euro.

Bei den nachfolgenden Feierlichkeiten wurden aufgrund eines Irrtums des Übersetzers alle Speisen roh serviert. Crudités, geraspelt auf der Platte, fielen über die Anwesenden her. Ihr reimendes Geheul, so ein Skandal. Einstweilen am Stehtisch: Das Grollen der Semmeln, ex tenebris. Die keckernde Roulade, verschnürt und beinah noch am Leben. Der Maître d’hôtel trat auf und tat kund, dass Van Gennep nicht ohne Grund die erotische Interpretation Saintyves verwerfe. Er neige eher dazu, eine andere zu akzeptieren, die sich auf die Verwendung des Ofendachs für Gegenstände, die beiseite geworfen werden, gründe (l.c., Bd. I, Teil II, S. 631 f.).

Im Anschluss servierte er einen Salat aus Zwiebeln, Brennesseln, Wurzeln oder auch aus Kleeblättern und Hafer und nannte dies: „den Salat essen lassen“, so wie im Englischen ohne Hemd schlafen noch heute heiße: „to sleep raw“ – sehr zur Irritation meiner unverheirateten Verwandten.

Das Dessert wurde in der Badewanne serviert, worin roher Fenchel trieb, einzelne Fasern durchaus erkennbar. Die fenchelnde Stärke ging auf uns über, gestärkte Gefäße. Wir priesen den Übersetzer für seinen Fehler und wandten uns einem minderwertigen Singspiel zu, das uns – ich will es nicht verschweigen – aufs Beste amüsierte.

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Skizze zu einem nationalen Lehrgedicht

Wald. Bach. Mauer. Schuld.
Rhein. Reinheit. Autobahn.
Fahrkontrolle. Pusten bitte!
Den Dichtern aber allezeit
freie Fahrt, dann Schlenker:
Die Mordsgemüter mit Motiv
des Schrebergartens grüne Zonen mähen.
Die gelben Zonen werden neu besät.
Da hat ja wohl der Hasso hingepinkelt.
Elektrozaun! Elektrozaun! empfiehlt
ein Nachbar, nah mit mir verwandt,
der um seinen Teich, gedemütigtes Wasser,
Installationen spannt, weil Katzen,
Reiher oder fremde Kinder
schnappten, haschten nach den Kois.
Andere Anwohner meiden indes
schon lange diese Diskussion. Sie nehmen
lieber den Zebrastreifen zur Eckkneipe.
Auch die Zwerge, nebenbei,
die sonst schweigend stehn,
laufen nunmehr los bei Rot.
Kippen alle Fusel, der das Denken
eindeutscht, heftig eindeutscht.
Jetzt kann man den Ersten reihern sehn.
Karpfenlaich und Tresenleich.
Deutsch – die Sprache der Ideen.*

*Eine Initiative des
Auswärtigen Amtes, 2010.

Als AUDIO hören

Christian Filips
Aus: Heiße Fusionen. Gesänge von der Krisis.
Roughbook 005, Holderbank / Juni 2010

Der Kurs der roughbooks

Das Sentiment am Market ist enorm, der Wert der roughbooks und ihrer Website steigt im Minutentakt. Wenn Sie sich zum jetzigen Zeitpunkt für eine Gesamtübernahme entscheiden sollten, so würde Sie das laut des neuesten Ratings durch http://bizinformation.org/de/www.roughbooks.ch exakt € 22.079,68 kosten. Erste Angebote liegen dem im Hinblick auf Übernahme- oder Fusionsspekulanten allerdings so kritischen wie wählerischen Holderbanker Contemporary-Performance-Art-Kollektiv bereits seit heute morgen vor. Einstweilen wird jedoch empfohlen, die weitere Marktentwicklung der noch jungen key-player aus dem Schweizer Seitental abzuwarten und durch den Kauf einzelner roughbooks zum stillen Teilhaber zu werden. In einer PR-Message, die unsere Redaktion soeben erreicht, ließen die Holderbanker wissen: Bei Bestellungen, die zwischen dem 23. und 24. Juli – von 5 vor bis 5 nach Mitternacht – eintreffen, wird ein Special Moonshine-Tarif gewährt!

Die Zukunft der deutschen Lürik

Ein Hörspiel nach dem beliebten Volkstheaterstück „Schorlemorle oder Der flammende Weinberg“ 
Written and performed by „Die Rebenschreiber“.

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TEXTPROBE

(DIE FREUDEN DER MISCHUNG)
Zweiter Akt, Dritte Szene

 Judith Dalbe und die Deutschlehrerin Frau Stockel tauchen in der nunmehr fast wiederhergestellten Wirtschaft auf.
Frau Stockel: Ma steckt ned drin, ma steckt ned drin. Es war ja auch neddemo der Deutschlehrer und der Buchhändler doo … Ma steckt hald ned drin… Gunndach, das iss Judith Dalbe, unser Klosterschreiwerin, seid Juli, wenn ich vorstelle derff. Mir komme grad von der Lesung, die wo Sie hier alle vorgezogen hawwe nicht zu besuchen. Offenbar. Die Lürik hatts schwer. Unter ihren Lesern sind kaum Leser, die Lürik lesen und unter denjenigen, die keine Lürik lesen, sieht es auch nicht besser aus. Ma musses immer widder sagen. Was kann ich Ihne bringe, uff die Enttäuschung?
Dalbe: Als Enttäuschung würd ich das nicht bezeichnen! Schaut sich um und bestellt dann einen Aktionswein.
Vorhang (der Wirt): Aktionswein is all. Aber – greift nach einer der umliegenden halbvollen Flaschen – Trester könnt ich anbiete! Dess iss …die Ersatz-Aktion!

(…)

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Judith Dalbes Gesamtwerk ist demnächst zu beziehen über: 
kontrollverlag@googlemail.com
(Tochterfirma der roughbooks Holding UE).