Cowboylyrik

Als Kind wollte ich immer Indianer sein, niemals Cowboy. Anders die Teilnehmer des Lyrikkurses, den Ulf Stoltherfoht unlängst am Deutschen Literaturinstitut Leipzig leitete. Aus einer im Protzendorf, einer wenig saloonmäßigen Lokalität im Leipziger Musikerviertel, geborenen Schnapsidee entstand eine Anthologie, die sich mit eben diesem Thema auseinander setzt: Dem Cowboy an sich.

Dass sich nun gerade der in Leipzig studierende Lyriker nach dem Cowboydasein sehnt, mag allein schon in der Geografie begründet sein. Denn immerhin ist mittlerweile der Wilde Osten sprichwörtlich geworden und hat den alteingesessenen Wilden Westen abgelöst. Den echten Cowboy stört das wohl wenig. Umso weniger, wenn er sich beim „Elko Cowboy Poetry Festival“ einfinden darf, das alljährlich im namensgebenden Elko, Nevada stattfindet.

Zwar haben es die Nachwuchslyriker nicht bis über den großen Teich geschafft mit ihren Gedichten, immerhin aber bis in den vorliegenden Sammelband, der bei Urs Engeler Editor erscheint. Dies wiederum ist keine Selbstverständlichkeit. Zwar ist mit Ulf Stolterfoht der Patron dieser Anthologie selber ein Engeler-Autor; doch hörte man seit Monaten, dass der Verlag in Nöten und womöglich sogar am Ende sei. Dies ist nun nicht der Fall. In frischer Optik und unter neuen, zum Teil noch Verwirrung stiftenden Labels (roughbooks, roughradio … die gute alte Punkästhetik hält hier Einzug, wohin sich das entwickelt, wird man sehen), macht der Verleger weiter, nicht ohne verlauten zu lassen, er wolle künftig ein reduziertes Programm fahren.

Schön, dass der Platz für die Leipziger Cowboys (und selbstredend auch -girls) dennoch bereitgestellt werden konnte. Denn auch wer mit Kuhtreibern und Planwagenfahrern nichts am Hut hat und als Kind immer Indianer sein wollte, kann den ein oder anderen gelungenen lyrischen Entwurf hierin entdecken. In Kerstin Preiwuß’ gar nicht bescheiden angelegtem Tableau-Gedicht sind wir in die „Indian Week der ostdeutschen Indianerfreunde“ hineingeworfen und gleichsam in eine kalt brodelnde Melange aus unbewältigter Geschichte und Ressentiment. Christian Kreis spielt hingegen in seiner „Cowboyelegie“ geschickt mit allerlei medialen Dopplungseffekten und einer allgegenwärtigen realen Schizophrenie. Weitere Namen zu erwähnen, wäre müßig, liegt es doch in der Natur der Anthologie, dass sie nicht jeden Geschmack und Verstand gleichermaßen befriedigen kann. Einiges fällt ab, anderes sticht qualitativ heraus. Auf alle Fälle aber wird viel Abwechslung bereitgestellt. John-Wayne- und Clint-Eastwood-Fans sollten gleichermaßen auf ihre Kosten kommen.

Lars Reyer

Posted via email from roughbooks


		
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Ein Kommentar zu „Cowboylyrik

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