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Rudolf Bussmann: Wochengedicht #62, Elke Erb

Rudolf Bussmann beschreibt Woche für Woche in der Basler Wochenzeitung “Tageswoche” ein Gedicht, in dieser Woche ist es ein Gedicht von Elke Erb aus dem neusten roughbook 028, “Das Hündle kam weiter auf drein“.

Magie der Sterne

Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil stehen drei Sterne. Wer sie passiert, geht über eine Zeitschwelle, sie trennen die Jugendzeit von der Erwachsenenzeit. Vom Kind ist nicht mehr die Rede, dafür von einem Hund.” Bussmanns Beschreibung lesen Sie hier.

Elke Erb erhält Ernst-Jandl-Preis für Lyrik 2013

Die deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Elke Erb wird dieses Jahr mit dem Ernst-Jandl-Preis für Lyrik ausgezeichnet. Wie Kulturministerin Claudia Schmied (S) heute, Donnerstag, in einer Aussendung mitteilte, wird die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung der Autorin am 15. Juni im Rahmen der Ernst-Jandl-Lyriktage in Neuberg an der Mürz überreicht.

Für Schmied gehört Erb “seit geraumer Zeit zu den bedeutenden Stimmen der deutschsprachigen Lyrik. Ihre Texte fordern uns dazu auf, uns vorbehaltlos zu öffnen und uns auf ihre sensible, ästhetische, souveräne, oft mehrdeutige Sprache einzulassen.” Der Preis wird Erb für ihr lyrisches Gesamtwerk verliehen, mit dem sie “uns die unendliche Vielfalt von Welt und Sprache” vermittle, so die Ministerin weiter. Die Jury bezeichnete Erbs Lyrik als “ein Schreiben an der Welt entlang, ein offener Prozess, in dem die Formen der Wahrnehmung ebenso überprüft werden wie ihre sprachlichen Mittel”.

Elke Erb wurde 1938 in Scherbach (Eifel) geboren und studierte in Halle Germanistik, Slawistik, Geschichte und Pädagogik. Nach ihrem Lehrerexamen arbeitete sie beim Mitteldeutschen Verlag als Lektorin und ab 1966 als freiberufliche Autorin. Neben regelmäßigen Veröffentlichungen von Kurzprosa, Lyrik und prozessualen Texten machte sich Erb auch als Übersetzerin und Nachdichterin russischer Poesie einen Namen. Seit dem Mai des Vorjahres ist sie auch Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.

Der Ernst-Jandl-Preis für Lyrik wurde nach dem Tod des Autors und Dichters im Jahr 2000 initiiert und wird seit 2001 im Zweijahresrhythmus vergeben. Die Auswahl trifft eine fünfköpfige Fachjury, der aktuell Paul Jandl, Alfred Kolleritsch, Friederike Mayröcker, Thomas Poiss und Klaus Reichert angehören. Vor zwei Jahren ging der Preis an Peter Waterhouse.

Elke Erb: Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012

Im Sommer habe ich im Tagebuch über Roswitha Gandersheim notiert:

Bin bei der Legende “Theophilus”. Habe das Gefühl, Roswithas gesamter Text sei so anmutend wie der Frühling. Es ist wohl der gute Wille, ihrer. Ich empfinde das durch die Übersetzungen hindurch, und in Unkenntnis ihres mittellateinischen Originals. Durch den Original-Text hätte ich aber wohl auch hindurch empfinden müssen, denn sie entschuldigt sich selbst für Unvollkommenheiten und bittet um Verbesserung, zunächst bei ihrer Äbtissin Gerberga, später senden sie beide die Texte auch an weitere Kompetente, sich an sie um Hilfe wendend. Obwohl ich den mittellateinischen Text noch nicht kenne, meine ich, daß sie wirklich um Hilfe fragt, denn die Frische ihrer Textbewegung läßt bei aller üblichen Ehrerbietung nicht den Verdacht zu, daß sie sich nur aus Sittsamkeit bescheiden gibt.

Ich sehe deutlich und mit wiederholtem Aufmerken auf die konkrete Schreib-Arbeit, die sprachliche, handwerkliche Bewegung ihrer literarischen Werkstatt.

Von so weit her! Vom 21. Jahrhundert ins zehnte! Es überraschte mich. Es ergab eine elementare Sympathie, die zu ihr hin in diese Ferne strömte, auch sie führt an einem Anschein devoter Demut geradewegs vorbei.

Ich sah ja von Anfang an die Lust der selbständigen Bewegung während der ersten Erfahrungen bei den Legenden, und später, bei den Dialogen, erkannte ich, daß  sich Schreib-Erfahrung angesammelt hat und ein Ausprobieren im Ganzen unternommen wird.

Vorher hatte ich bei meinem Vater über Rhrotswith von Gandersheim nachgelesen, er meinte, die Legenden seien Nacherzählungen, unanschaulich, ängstlich, klebten am Stoff; doch schon, als er die Sujets mitteilte, dachte ich: “Wie auch immer, die Thematik wirkt frisch. Ganz so verklemmt kann es nicht sein.” Und als ich die Legenden dann selbst zu lesen anfing, hatte ich zu konstatieren: Ach, er hat das Handwerkliche nicht erkannt, die Poetik des dichterischen und erzählerischen Handwerks ist ihm fremd. Das ist bei Literaturwissenschaftlern nicht ungewöhnlich.

Beispiele für die Sujets:

Ein Kleriker verführt die Frau Gongolfs, eines jungen hohen Beamten, der dem Edelmut lebt. Das kalte Wasser einer Wunderquelle verbrennt die Hand der Frau und erweist so vor Gongolf ihre Schuld. Er betraft sie nicht, verbannt aber den Kleriker. Dieser schleicht sich wieder in sein Haus, verführt die Frau abermals und verletzt Gongolf tödlich. Dessen Edelmut trägt ihn durch den Tod in den Himmel, so wird er der Heilige Gongolf.

Der spätere heilige Pelagius wird grausam gequält, weil er sich den homoerotischen Gelüsten des Sarazenischen Fremdherrschers widersetzt.

Bei den auf die Legenden folgenden sechs Dialogen  geht der Titelheld des vierten, der Eremit Abraham als vorgeblicher Liebhaber in ein Freudenhaus, um sein Mündel, Maria, aus den Klauen des Teufels zu retten. Der hatte sie solange betört, bis sie, zu weltlicher Lust entflammt, durch das Fenster ihrer Zelle, in welche sie eingemauert war, entfloh. Vor Abraham im Freudenhaus übermannt sie Reue und Verzweiflung. (Ich lerne und sehe ein, daß Verzweiflung ebenso eine Sünde ist wie der Grund der Reue). Die Rettung gelingt natürlich.

Roswitha wagt sich in heikle Sujets.

So auch bei der letzten, der achten, Legende: Agnes widersteht der heftigen  Begierde  des Sohns des heidnischen Präfekten, der läßt sie aus Rache nackt in ein Freudenhaus führen und dort gefangen halten. Diese Geschichte will ich nun mit Zitaten und Kommentaren ausführlicher wiedergeben, um ein Beispiel ihrer Werkstatt-Arbeit vorzuführen.

Sie beginnt mit einem großartigen Vorspruch. geltend für jene, die um Christi willen, mit des heiligen Schleiers Zeichen versehen, Christus allen anderen Freunden vorziehen – / ihn, der, über die Maßen schimmernd wie Gold; auffallend schön in lieblicher Wohlgestalt, / aus gutem Grund aller Weiber Söhne übertrifft.

Übertrifft er sie, ist das ein guter Grund, meine ich, sich für ihn zu entscheiden.

(Ich zitiere aus der Übersetzung von Otto Baumhauer. Sie gibt das Original ohne Reim und ohne Hexameter wieder).

So hebt der Text an:

Die Jungfrau, die der Welt – einstürzen wird sie – eitles Gepränge / und des vergänglichen Fleisches Ausschweifungen zu verachten begehrt, / verdient, Braut des immerwährenden Königs genannt zu werden, / wenn sie wünscht, für die Ehre engelhafter Jungfräulichkeit, / in des himmlischen Bräutigams gestirntem Palaste / den Himmelsbewohnern beigegeben, in glänzender Krone zu strahlen / und, dem Lamme folgend, das schallende Lied zu singen.

Zum Lamm möchte ich ein eigenes Gedicht zitieren:

Gar sehr Jesus

Unterm Kuppelmosaik der Apsis ein Streifen Schafe,
Hammel, je sechs von links und von rechts.

Das in der Mitte
aus der Art geschlagene kleine,
das dreizehnte  -

wie geschrumpft
unter heimlicher Drosselschnur  -

lädt jene andern mit innerem Licht auf so,
daß deren Rücken zu fliegen scheinen.

Santa Maria in Trastevere, Rom
8.3.95

Rom ist auch der Ort der Legende. Die schöne Agnes, selbst edler Geburt, aber für Christus bereit. des ehelosen Lebens hartes Ringen anzutreten, wird heftig begehrt vom Sohne des Stadtpräfekten Sempronius, sie antwortet dem Heidensohn:

O Sohn des immerwährenden Todes, zu Recht verdammenswert, / o Zunder des Frevels und Verächter des Allmächtigen, / scheide von mir [...].

 

Der, sich in maßlosem Schmerz verzehrend, heuchelt nun Krankheit, die Ärzte finden nichts und merken, daß verschmähte Liebe der Grund ist. Der Vater spricht zu Agnes, wirbt und droht, umsonst. Dann bietet er ihr tückisch an, wenn sie keusch bleiben wolle, Opferpriesterin der Göttin Vesta zu werden. Weigere sie sich, befehle er, sie in der Verborgenheit eines unsittlichen Hauses einzusperren, [...] damit du [...] die ganze Schande und Bestürzung der Deinen bist.”

 

Sie, obwohl in Unruhe und Angst, antwortet kühn (ich kürze ab): “ich hoffe[...], alle Unflätigkeiten des hinfälligen Fleisches zu überwinden.”

Christus hilft prompt. Der Präfekt läßt Agnes von ihren Kleidern entblößen, nackt am ganzen Körper zum Freudenhaus schleppen, das Volk strömt herzu, aber da wuchsen sogleich ihre Haare und verdichteten sich trefflich, / in langen Wellen flossen sie oben vom Scheitel, / wallten herab, bis sie der Füße zarte Sohlen berührten.

 Das befriedigt, nicht wahr?

 

Weiter Zitat:

Und als sie auf die Schwelle des widerlichen Bordells trat, / nahm sie im Augenblick die Süße des lieblichen Wohlgeruchs wahr, nämlich ein Engel erscheint und bringt ein in schneeweißem Glanze funkelndes Gewand, [...] ihren Maßen genau angepaßt.

 

Nun eilen, in sinnlicher Begier rasend, / von allen Seiten Jünglinge in vollem Lauf herbei, aber angesichts der Strahlen wunderbar schimmernden Lichts [...] und des aufblitzenden Gleißens von des Engels Gewand, werfen sie sich der Reihe nach vor ihr nieder und sind zu ihrem Glauben bekehrt.

Frohlockend kommt der Sohn des Präfekten, meint, er könne sie nun haben, aber er stürzte jäh, die Glieder erschlafft, / in unvorhergesehenem Tode: durch Christi Macht vernichtet.

Als sein erbärmlicher Vater davon hört, kommt er, weint und beschimpft sie – und, das ist werkstattlich neu, in derselben Art, wie Roswitha in den Texten sonst die Bösen beschimpft: “du knirschst mit den Zähnen wie ein wildes Tier”; “O maßlos grausames Weib, Wildheit wohnt in dir, / [...] / zart ist dein Körper, doch du knirschst mit den Zähnen wie ein wildes Tier [...] Offen zu Tage liegt es daher, daß dein maßlos lasterhafter Sinn / voll Gier ist nach den Strömen tückischer Zauberei.

Sie läßt also, erkenne ich, hier zum ersten Mal zwei Religionen sich begegnen. So setzt es sich auch fort: Sie antwortet milde, er selbst sei schuld, nicht sie, schickt alle hinaus und bittet, um ihres Gottes Gnadenmacht zu zeigen, Christus um die Auferstehung des Toten. Der Sohn kehrt ins Leben zurück und glaubt nun an ihren Gott, und auch der Vater ist einsichtig.

Mit einer solchen Vergebung erhellt uns Roswitha oft das mitleidende Gemüt. Die Logik ist: Christus hat uns von den Sünden erlöst, wir leben in der Gnade. Und die Autorin verfügt erzählerisch recht uneingeschränkt über diese strahlende Gnade.

Aber jetzt treten die Vertreter des anderen Glaubens in Aktion, seine Priester verlangen mit grausamem Herzen, Agnes schnell unter blutigen Martern umzubringen. Der Präfekt kann sich nicht dazu entschließen und überläßt seine Befehlsgewalt einem andern, der das Richteramt mit wölfischer Wildheit ausübte.

Sie wird ins Feuer geworfen, da jedoch ihren Körper der fleischlichen Liebe Glut nicht entflammte, verletzte dieses Feuer ihn nicht, sondern, wogend brachen die Flammen hervor und rasten unmäßig,/ vernichteten zuerst alle Henkersknechte, verbrannten sie; / dann bedeckten sie nach allen Seiten hin das ungläubige Volk, / das im Kreise herumstand, warfen im Fluge viele Scharen zu Boden.

Das ärgert mich, aber da  ich meine vermutlich junge Kollegin nicht tadeln will, denke ich etwas spitzfindig, auf Liebesglut, die des Sohns, antwortet Gnade, auf Vernichtung Vernichtung.

Bei anderen Stellen, wo ich nicht umhin konnte, einen Bauteil in ihren Erzählungen als unhaltbar zu kritisieren, half ich mir mit der folgenden Erwägung heraus: Es handelt sich nicht um Realismus oder eine Dialektik in der Sache selbst, sondern allein um die Wahrnehmung der erzählenden Stimme. Gerade die literarische Unwahrscheinlichkeit  bewirkt vielleicht die Annehmbarkeit des vorgetragenen Glaubens, in recht feinen Balancen.

Die Legende endet logisch so: um in den Himmel zu kommen, zu ihrem Bräutigam, muß sie sterben, Christus erfüllt ihr den Wunsch: der ungerechte Richter, / wutschnaubend. weil sie noch lebte, durchbohrt ihre Kehle. Dem Herrn gab sie im Sterben den letzten Atemzug zurück. Engelscharen erscheinen, und sie trugen die Seele fröhlich durch die Lüfte empor.

 

Zuletzt geht es noch um den toten Körper, der ja in der Reliquienverehrung eine große Wirkung tut. Öfter ist es auch so bei ihren Texten, daß am Grabe schöne Wunder geschehen: der Lahme geht, der Blinde sieht, der Taube hört.

Die Eltern begraben sie mit großer Pracht und ganzer Ehrerbietung / in der Erde Schoß, sie erscheint ihnen in einer Engelsschar, strahlend wie die Engel, die Eltern trockneten die Tränen [...] und sangen nach der Psalmen Weise mit wohlklingender Stimme Lobgesänge dem Herrn, / der seinen heiligen Blutzeugen nach harten Kämpfen / milde des ewigen Lebens Lohn gewährt. Amen.

Ich danke Ihnen für den Roswitha-Preis und nicht weniger auch für die ebenso unerwartete Freude, sie zu lesen.

Georg-Trakl-Preis 2012 geht an Elke Erb

Die 1938 in Scherbach in der Eifel geborene deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Elke Erb erhält den heurigen Georg-Trakl-Preis des Landes Salzburg für Lyrik. Der Preis ist mit 8.000 Euro dotiert.

“Mit diesem Preis wollen wir einerseits die Erinnerung an den bedeutenden Salzburger Lyriker Georg Trakl lebendig halten und zugleich die literarische Gattung der Lyrik entsprechend würdigen”, so David Brenner.Der Georg-Trakl-Preis für Lyrik wurde anlässlich der 65. Wiederkehr des Geburtstages des Salzburger Dichters Georg Trakl am 3. Februar 1952 erstmals gestiftet. Seither wird dieser Preis jeweils zu runden oder halbrunden Geburts- und Todestagen (3. Februar 1887 – 3. November 1914) des Dichters alternierend als Landespreis an eine/n deutschsprachigen Lyriker/in oder als gemeinsamer Bundes- und Landespreis an eine/n österreichische/n Lyriker/in vergeben.

Der Preis gilt der Würdigung eines lyrischen Gesamtwerkes und ist mit 8.000 Euro dotiert. Der Würdigungs-Preisträger wird über Vorschlag einer unabhängigen, dreiköpfigen Jury (keine Einreichungen) ermittelt.

Bisherige Preisträger waren unter anderem Ernst Jandl (1974), Friederike Mayröcker (1974), Ilse Aichinger (1979), Julian Schutting (1989), Franz Josef Czernin (2007) oder zuletzt Michael Donhauser (2009).

Jurybegründung Georg-Trakl-Preis für Elke Erb

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Dr. Uta Degner (Universität Salzburg), Dr. Fabjan Hafner (Universität Klagenfurt) und Dr. Thomas Wohlfahrt (Literaturwerkstatt, Berlin), begründete ihre Entscheidung für Elke Erb folgendermaßen:

“Elke Erbs lyrisches Werk zeichnet sich durch eine einzigartige Stimme aus, in der sich hohe ästhetische Sensibilität, souveräne Autonomie von ästhetischen Konventionen, Experimentierfreude, Gesprächslust und poetologische Reflektiertheit verbinden. In ungewöhnlicher Weise gelingt es Erbs Gedichten, sich als ‘Werdende’ sichtbar zu machen, sie treten nicht mit der Autorität festgefügter Endgültigkeit auf, sondern als lebendige, noch in Bewegung befindliche, und besitzen gleichsam offene Möglichkeits-Horizonte. Erbs Texte lassen ihre Leser(innen) teilhaben an einem vieldimensionalen, unabgeschlossenen Prozess von Denken und Dichten, sie besitzen eine beeindruckende gedankliche Versabilität, die auch nicht davor zurück scheut, eigene Publikationen erneut zur Disposition zu stellen. Immer orientiert am Konkreten, halten sie sich vollkommen frei von Ideologie und verweigern sich trotz ihrer Einladung zur Partizipation jeglicher Vereinnahmung.

Die Haltung unprätentiöser, neugieriger Wachheit sowohl gegenüber dem Vorhandenen, als auch gegenüber den darin enthaltenen, unendlichen Möglichkeiten von Welt und Sprache verleihen den Dichtungen einen abenteuerlichen Geist und eine Intensität, die weit über das hinausreichen, was die einzelnen Texte jeweils sprachlich machen. Mindestens ebenso zentral ist, was sie jenseits ihrer selbst möglich machen: Sie wirken nämlich auf gänzlich unpathetische Weise befreiend: sie schenken ihren Leser(inne)n eine ästhetische Erlebnisfähigkeit, die deren Leben, Lesen – und vielleicht auch Schreiben – um die Dynamik des Offenen bereichert.”

Roswitha-Literaturpreis an Elke Erb

Der Roswitha-Literaturpreis für Frauen geht an die Schriftstellerin Elke Erb. Das teilte die niedersächsische Stadt Bad Gandersheim mit. Die 74-Jährige gehöre seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Stimmen der deutschen Poesie, urteilte die Jury. Der mit 5500 Euro dotierte älteste deutsche Literaturpreis für Frauen erinnert an die erste deutsche Schriftstellerin Roswitha, die im 10. Jahrhundert im Stift Gandersheim Legenden, Dramen und Gedichte schrieb. Die Auszeichnung wird am 9. November verliehen.

Elke Erbs lieferbare Bücher sind:

Mensch sein, nicht

Sonanz

Sachverstand

Die Crux

Gänsesommer

Elke Erb, Monika Rinck und Christian Filips am Lyrikmarkt in Berlin

Der große Lyrikmarkt des poesiefestival berlin

Poesie ist marktfähig! Mit dem großen Lyrikmarkt lädt das poesiefestival berlin ein zum Schmökern und Stöbern, am 9.6.2012 auf dem Gelände vor der Akademie der Künste, Hanseatenweg.
Ausgewählte Verlage, Antiquariate und Buchhändler für Lyrik bieten poetische Neuerscheinungen, Fundstücke und Raritäten. Mit dabei sind u.a. BELLAtriste, Carl Hanser Verlag + Akzente, Edit, Edition Korrespondenzen, Edition Rugerup, Fixpoetry, hochroth Verlag, KOOKbooks, Leipziger Literaturverlag, Literaturverlag Droschl, Luchterhand Literaturverlag, luxbooks, Lyrikedition 2000, Matthes & Seitz Berlin, Matthias Wagner Antiquariat, Poesiealbum / MärkischerVerlag, poetenladen verlag, roughbooks, Verlag C.H. Beck, Verlag Das Wunderhorn, Verlag Hans Schiler, Verlagshaus J. Frank I Berlin und Wallstein Verlag.

Für buntes Marktreiben sorgt ein lyrisch-musikalisches Bühnenprogramm.
Max Prosa, einer der derzeit aufregendsten deutschsprachigen Singer-Songwriter, gibt ein Unplugged-Konzert. Bernadette La Hengst, Mitbegründerin der Hamburger Schule, tritt auf, ebenso wie die Berliner Independent-Band Artwhy, die Dichterband Fön und der musizierende Dichter Jan Böttcher. Die deutsche Poetry-Slam-Meisterin Nora Gomringer bringt ihre Texte auf die Bühne, begleitet von dem Schlagzeuger und Perkussionisten Günter Baby Sommer. Die Dichter Christian Filips und Monika Rinck werden nicht nur ihr dichterisches Können präsentieren: Eigens für den Lyrikmarkt treten sie als Chansonniers auf. Der Dichter Rainer Stolz lädt ein zu einem poetischen Vogelspaziergang durch den Tiergarten, Bert Bredemeyer wird zur Balladen-Juke-Box, Elke Erb, Christian Filips und Bo Wiget beantworten kochend und dichtend dringende Haushaltsfragen. Für die Kinder gibt es ein eigenes Spiel- und Bastelprogramm rund um Poesie.
Der Eintritt ist frei.
Der Lyrikmarkt setzt den überaus erfolgreichen ersten Berliner Lyrikmarkt fort, der 2011 im Rahmen der 20-Jahr-Feier der Literaturwerkstatt Berlin in der Kulturbrauerei stattfand.

Das 13. poesiefestival berlin findet statt vom 1. – 9.6.2012 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. Weitere Informationen unter: www.literaturwerkstatt.org

Sätze zur Poetologie 1 (Elke Erb)

Poesie existiert nicht nur im Gedicht. Und nicht nur auch in anderen Literaturgattungen oder Künsten. Sondern auch außerhalb der Kunst.
Sie kann geschaffen sein, und sie kann jemandem begegnen, ohne daß sie erschaffen wurde.

Sie wahrzunehmen, belebt die Intelligenz. Gibt der Intelligenz ein neues Leben.
Die Poesie weckt die Intelligenz, die Intelligenz weckt die Poesie.
Sie ergreift. Sie erfreut. Sie befreit.

Man kann sie nicht lügen. Sie lügt nicht, sie entdeckt, erfindet.

Beim Schreiben ist sie ein Sieg gegen den Widerstand gegen sie, gegen ihr Gegenteil, die Vernichtung und die Gefangenschaft. Weil sie ein Sieg ist, erfreut sie.

Von der Gesellschaft her gesehen, ist sie im Kern politisch und prinzipiell aktiv. Sie kann politisch nur etwas verändern, wenn sie auf die ideellen, d.i. individuellen Voraussetzungen wirkt.

***

Hier erscheinen in regelmäßiger Folge die “Sätze zur Poetologie” von Elke Erb. Neue Gedichte der Autorin finden sich in dem soeben erschienenen Band Meins; roughbook 006

Produktionsbedingungen 1

Auf vielfachen Wunsch: Wie ein roughbook entsteht. Elke Erb, Christian Filips und Urs Engeler bei der Arbeit am roughbook 006, in welchem sich (womöglich auch über das Sitzen vorm Rechner) die folgenden Verse finden:

[...]
nicht zu ermitteln mehr
betreibe das sich erschöpfende Hingehn
Entleibung,

welche Entleibung bescheiden
die jeweils dominante Aufmerksamkeit
(die selbstvergessene!) lebenslang

zeitlebens begleitet, alles in einem.
(Achtung: Aufmerksamkeit
ist das Merkmal des Nicht-Objekts)

Elke Erb in MEINS, roughbook 006

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Neue Verlagswege. Urs Engeler setzt seine Tätigkeit fort

rbl. (d.i. Roman Bucheli in der Neuen Zürcher Zeitung vom 16. Juni 2010) – Gut ein Jahr ist es her, dass Urs Engeler mitteilte, er würde seine verlegerische Tätigkeit einstellen bzw. auf ein Minimum reduzieren. Er sah, nachdem er die Unterstützung seines Mäzens verloren hatte, keine Möglichkeit mehr, die Geschäfte fortzuführen. Er müsse aufhören – oder andere Wege beschreiten, sagte er damals. In der Zwischenzeit ist zwar aus seinem Verlag noch das eine oder andere Buch erschienen. Es waren dies lediglich noch kleine Rauchzeichen. Indes das Feuer ist nie ausgegangen: weder bei Urs Engeler, dessen Leidenschaft für das Buch und zumal für die Lyrik unerschöpflich scheint, noch bei den Autorinnen und Autoren, für die jedoch der ebenso exquisite wie kompromisslose Kleinverlag oft die einzige Adresse für ihre nicht weniger exquisite und kompromisslose Lyrik war.

Nun scheinen sich jedoch eine Art Fortsetzung des Bisherigen in beschränkten Rahmen und ein Neuanfang mit anderen Mitteln abzuzeichnen. Urs Engeler wollte und konnte davon nicht lassen, was er mit Herzblut und Verstand am liebsten tut: Bücher machen. In seinem neu gegründeten Engeler-Verlag werden zwar weiterhin gelegentlich Bücher erscheinen – demnächst etwa Arno Camenischs Zweitling «Hinter dem Bahnhof» – und über die üblichen Vertriebswege in die Buchhandlungen gelangen. Gleichzeitig wird die Backlist des früheren Verlags Urs Engeler Editor weiter bewirtschaftet. Alle anderen Bücher aus seiner Werkstatt aber wird der unermüdliche Büchermacher fortan im Direktvertrieb an die Leser verkaufen. Unter dem Namen Roughbooks verlegt Engeler in Zukunft Bücher im einheitlichen Kleinformat, die er im Digital- statt Offsetdruck günstiger und in kleinerer Auflage herstellt. Sein Publikum will er direkt über das Internet erreichen. Den teuren und für den Kleinverlag ebenso aufwendigen wie vielfach vergeblichen Weg über den Buchhandel könne er sich nicht mehr leisten. Damit hat sich Engeler mit dem Direktvertrieb über das Internet für genau jenes Geschäftsmodell entschieden, das Egon Ammann vor Jahresfrist, als er seinerseits das Ende seines Verlages bekanntgab, als einziges erfolgversprechendes für kleine und mittlere Verlage mit literarisch anspruchsvollem Programm bezeichnet hatte.

Halbjährliche Verlagsprogramme wird es nicht mehr geben, vielmehr wird Engeler ein Buch nach dem anderen produzieren. Gleichzeitig möchte er auch die Autoren stärker in die Verlagsarbeit und Verantwortung einbinden, indem sie die Herausgeberschaft für einzelne Bände übernehmen und diese dann auch inhaltlich begleiten. Vorerst sind u. a. ein Gedichtband von Elke Erb und ein neues Buch von Bruno Steiger geplant. Als erstes «Roughbook» in neuer Aufmachung und also auch ohne ISBN-Nummer ist von Christian Filips der Gedichtband «Heisse Fusionen» erschienen. Mit Sprachwitz und bissigem Sarkasmus bannt Filips die Phänomene der Wirtschaftskrise in poetische Abbreviaturen mit gelegentlich köstlichen und manchmal bitterbösen Pointen. Eine «heisse Fusion» freilich verspricht auch Urs Engelers sowohl aus verlegerischer Not wie aus dem Reichtum der Lyrik geborenes neustes Verlagsprojekt zu sein; ob sich die Spekulation auf steigende Kurse der Gedichte am offenen Markt auszahlt, wird sich weisen. Dem Verleger und nicht zuletzt den Autoren ist es zu wünschen.