Michael Braun über ein Gedicht von Konstantin Ames

Im Poetenladen schreibt Michael Braun über

dreißig lenze zähl ich wheel, das stehet
in einer urkundä, ich libee worte mit zween e
drin, konsumier wegen dehmel teein nur mit feen, zween
am besten teens, gestern z. beispiel war eine vielle
drunter, die mehr zaehe war als zart, waere, fragt’ ich
waere’s meeglich, dass de sterben gehest
und in sechzehn, siebzehn jahren wiederkommst
sie legte mich im aussermoralischen sinne ueber’s knee

waehrenddessen musste ich von commander keen
erzaehlen oder hölderlin und linné zitieren

jetzt kann ich vierzehn tage nicht mehr siezen, mieze
catleen, mein reh, was soll ich tun?

(zaehl tee « 30.8.2009)

“Im Selbstporträt des Dreißigjährigen steckt auch das Liebes­gedicht eines Unter­werfungs­berei­ten, der sich von der Geliebten „übers knee“ hat legen lassen und daher ganz zweideutig „nicht mehr siezen“ kann. Dabei werden sehr unter­schied­liche Dich­tungs­konzepte herbei­zitiert: das Er­haben­heits­ton Hölderlins, die konventionellen Liebes­dichtungen des Richard Dehmel oder ein Computer­spiel, in dem der Held, „Commander Keen“, die Erde oder gleich den ganzen Welt­raum vor der Zer­störung bewahrt. Ames-Poesie – das ist in jeder Zeile ein poly­glottes Sprach­vergnügen.”

Den ganzen Artikel von Michael Braun gibt es hier, das Heft, in dem das Gedicht ursprünglich stand, hier, und den neuen Gedichtband von Konstantin Ames wahrscheinlich noch in diesem Jahr auch hier. Bis dahin empfehlen wir die Alsohäute.

Dietze, Kornappel, Kraus und Konstantin Ames bei Kreuzwort

1,5 Jahre KREUZWORT am 26.3. in Berlin // mit KRAUS, AMES, KORNAPPEL und DIZE

http://kreuzwortberlin.wordpress.com/

Dort erfahren wir auch, dass Ames an einem Roman arbeiten soll, von dem wir noch keine Kenntnis hatten. „Verbleichen immer, verblichen nimmer“. Können wir etwas davon für eine Veröffentlichung in der “Mütze” bekommen, lieber Konstantin?

Ames in Fellbach

Unser Korrespondent in Fellbach berichtet:

Bericht über meinen Auftritt vor zwei Schulklassen des Friedrich-von-Schiller-Gymnasiums Fellbach.

Termine in Salonatmo mit Trendgetränk und Preiseabholartigkeiten gehören ja irgendwie dazu, aber die wichtigste Angelegenheit ist doch die Lesernachwuchsförderung, finde ich.
Der Auftritt vor den beiden Schulklassen ist mir nicht danebengelungen, auch wenn die Schüler erstmal irritiert waren. Der Chef des Kulturressorts des Fellbacher Anzeigers sah das offensichtlich ähnlich.

www.fellbach.de/html/seiten/output_adb_file.php?id=13158

Lyrikmail: Die tägliche Dosis Poesie

Jeden Tag ein Gedicht per E-Mail: http://www.lyrikmail.de

Oder auf dem Blog, http://www.lyrikpost.de/blog/, z.B. Konstantin Ames, Lyrikmail #2459 Ames – Hallo ich popcornmaisfelde dich

Hallo ich popcornmaisfelde dich
maisfeldest du mich
popcornmaisfeldest du mich sogar
oder bist du nur ein feiger schauer
aha. ein warmer regen wär´ mir lieber
liebe meine liebe. Ja so steht´s nun mal
keine liebe schüssel voll chips. Und wa-
rum chips und nicht popcorn. die
stituation ist felsig und felsen
siezen mich ich Tschüss
e dich tausendmal und lass
das rucksack-s in zukunft weg
melde mich hiermit an/ab
(Nichtzutreffendes bitte unterstreichen!)
„Man weiß gar nicht, ob´s heiß oder kalt draußen ist.“
provinz ist da, wo´s nur von oben auszuhalten ist. (ames)

(…« oder ??« 25./26.7.2010)

Konstantin Ames (1979)

Das Gedicht ist dem roughbook „ALSOHÄUTE“ entnommen.
Buchlink: roughbooks.wordpress.com

Gedicht zum Tag

Konstantin Ames: REUNITED

BDDRD, Land der Zweifler und Kranfahrer, aber aber! Aber:
Einsilbiger nie als im August ’61. Erlebnis Formulierung Tat –
Ueber Schafe und Kühe im außermoralischen Sinne, schreib:
Neu: neunundfünfzig Bitterfelder, neu: ’89 Erzähllungenkranker.
Ich lerne, ich bereite vor, ich übe mich. Klar: Segelfliegerei!
Tatütata! Der Segelflug hat Glück bei den Alraunen. Schreib:
Einer flog schlenkrig drüber rüber. Las 2006: Schwarz, rot, geiler
Dô wuohs in zweier Staaten Erde Wurm um Wurm zusammen, was

Vögeln, schwarzen, roten, gelben, den schon freien Versehen, Speise war, in der Luft

aus: Konstantin Ames, Alsohäute, roughbook 011

Dichtraum, Denkraum – Konstantin Ames

Mit Boules-Kugeln im Gepäck war am 20. Juni der Lyriker Konstantin Ames im Dichtraum, Denkraum (d.h. am Internationalen Poesiefestival in Berlin) zu erleben. Neben einer Schweigeminute für gefallene Gedichte lud er die Zuschauer auch zum Zuhören und Mitmachen ein. Gemeinsam mit dem Publikum erarbeitete er folgenden Text, der zu einem Sonettenkranz werden und in einem Abschnitt des nächsten Gedichtbands auftauchen  soll:

 

Abend Blauer Städter in Berlin. Untergrundbahn

1

Unberührt und ungeschaut. Fenster Benn

Die weichen Schauer. Blütenfrühe. Wie

Schatten und Sintflut. Fernes Glück: ein Sterben

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle, die

 

zwei. Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.

Unsre Wände sind so dünn wie Loerkes Haut,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.

Durch all den Frühling kommt die fremde Frau.

 

Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Leute, wo die Blicke eng ausladen

Der Strumpf am Spann ist da. Doch, wo er endet, stehn

 

laues Geblühe, fremde Feuchtigkeiten hinein-

gehakt. Ein Rot schwärmt auf. Das große Blut steigt an. Fassaden

Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine, Wolfenstein.

 

(für Almut, Janka, Luise, Mara, Norbert und Peggy)

hintun, Schmähkritik

Frank Milautzcki hat auf fixpoetry einen Kommentar zu einem Gedicht von Konstantin Ames veröffentlicht, der selber zumindest an Ort und Stelle nicht wieder kommentiert werden kann. Wir wiederholen hier seinen Kommentar und laden zu weiteren Kommentaren ein:

Gedicht: [hintun]

Autor: Konstantin Ames

du wasserfilterverkäufliches
erzluder herz du tjreude
brei nichts als freibrei, hinta
meiner ohren augen nase mund

klopf mit dem kopf an / uuildu noh
poche den docht an / uuildu noh

bin nicht frei bei dir ich
sage kali messmersíl rollt sich
auf den wassern meiner augen.
meine nichts mit “ä” drin.
aubergine. baum. schläfenschlaf

klopf mit dem kopf an / uuildu noh
poche den docht an / uuildu noh

schreitet deine zunge schritt-für-schritt-schrift
inge, schreitet in mich ein, vorher
schreibe “konstantinge” auf meinen ohrentorbogen
wenn gefällig
beschlossen: »jugendliche dürfen nicht mehr
ins spermium« blechdosen!

klopftest mit dem kopf an / wolltest noch mehr
pochtest den docht an / wolltest noch, merde!

(hintun« 11.7.2009)

 

Frank Milautzcki, http://fixpoetry.com/feuilleton/fixative/1138.html

 

Unbekannte Trümpfe in der Hand

„du wasserflittchen du verkäufliches
herz du erz und teure
du brei bist frei und raus aus meiner
einer sinnen zinnen“

Zwei Minuten habe ich gebraucht, um in der Bastelstube von Konstantin Ames mitzumachen und einen Text zu erzeugen, der aus seinem hervorgeht und offensichtlich nicht den allerschlechtesten. Mit etwas poetologischem Basispomp kann man das, was mir hier ein paar Momente Spaß gemacht hat, auch zur großen Kunst erheben. Da sind Reime (die bei ihm versteckt sind – denn das Verstecken ist „die Kunst“), Assoziationen, die bei ihm da „hinta“ sind – all das kann man hervorholen, oder eben auch nicht.
Je nachdem, ob man mit dem Kopf anklopft und der Sesam öffnet sich. „uuildu noh“ schreibt er dann. Ich gestehe: Ich will nicht. Denn danach fragt der Satz: er stammt aus einem mittelalterlichen Gedicht-Bruchstück namens „Hirsch und Hinde“, es befindet sich in einer alten Handschrift in der Bibliotheque Royale in Brüssel – jedenfalls kann man das im Reallexikon der germanistischen Altertumskunde so nachlesen. Im Ernst: entlegenere Quellen kann man in einem Gedicht nicht zitieren. Unverstandener kann etwas nicht bleiben. Ames sammelt das, je rätselhafter, umso mehr Punkte für den Kandidaten bei der Überzeugungsarbeit ein echter Literat zu sein.

Aber von alleine ist er nicht drauf gekommen. Sein Gedicht datiert vom 11.07.2009 und genau einen Monat zuvor schickte Gregor Koall seine Lyrikmail Nr. 1996 (in der “Szene” von allen abonniert), nämlich exakt am 10.06.2009, durch die Lande, darin präsentierte  Dr. Martin Schuhmann von der Universität Frankfurt/Main aus seiner Reihe „Texte aus mittelhochdeutscher und althochdeutscher Zeit in Original und Übersetzung“ folgende althochdeutsche anonyme Randnotiz namens „Hirsch und Hinde“:

hirez runeta hintun in daz ora „uuildu noh hinta?“   
will heißen:
Der Hirsch raunte der Hinde [= Hirschkuh] in das Ohr: „Willst du noch, Hinde?“

In dem Lyrikmail erklärt uns Dr. Martin Schumann das tatsächlich Bemerkenswerte an diesem Text („seit etwas mehr als 1000 Jahren raunt der Hirsch der Hinde ins Ohr und lädt ein, das Spiel von Tanz und Liebe noch einmal zu beginnen. Das mag banal sein, aber auch notwendig.“) und offensichtlich hat das Ames so beeindruckt, daß er das Bruchstück im Sinn behält und für sein eigenes Gedicht mehrfach benutzt, einmal „hinta“ und dann wieder extra das „uuildu noh“ und insgesamt geht es um Brunft.

Zu der „Hinde“ und dem „hinta“ gehört noch “hintun”. Der mehrdeutige Titel. Außerdem kann man den Docht auch noch hinten hintun. Zumindest im Kopf klopft das an. Denn spaßig ist das mit dem Docht. „Poche den Docht an!“ – vor dem Hintergrund, daß der Hirsch der Hinde ins Ohr raunt, ob sie vielleicht noch Lust habe, ist schnell der immer willige und schon steife Pimmel als eigentlicher Anfrager identifiziert, der das Erzluder bedrängt. „herz du trjeude“ – hier zitiert Ames google books, das die „Freude“, wenn sie in alten Werken in Fraktur gesetzt ist, oftmals als „Trjeude“ liest und so in den Ergebniszeilen liefert.

Das kann man dann in den Zusammenhang eines mittelalterlichen Gedichtes [hintun] – schon klar. Klonschar. Das Leben des Clochard ist aufm Klo wahr. So funktionierts. Wenn die Funken sprühen und die Nieren mitmachen. Man hält sich für intelligent und mit allem, was in einem so heraufzuckelt, spielt man Karten, bis der eine Trumpf gefunden ist, den keiner mehr aussticht. Schon gar nicht mit einem „a, bä oder sä“ drin. Hörz Öss. Hört ihr uns? Kunst is’!

Zum Schluß klappts dann doch nicht – und wird alles zur französischen Fäkalie. Olala! Was kann der Mann eigentlich nicht? Er spricht mittelalterhochdeutsch (oder wie das heißt), googlebookisch, und jetzt auch noch französisch! Irre. So ein Tausendsassa! Und das alles ausm Handgelenk. Aus dem „wolltest noch mehr“ wird ein „wolltest noch, merde!“ – ich bin sprachlos – was steht bloß auf dem Ames sein Herd. Ich falle auf die Knie und denke Ames – Deutschland deine Dichter! Grandioser geht’s nichtmehr.

Besprechung von Michael Braun zu Konstantin Ames: Alsohäute

Dies Koma ist bezaubernd schön

Akrobatische Gedichte von Konstantin Ames

Die Position des Anarchisten, der sprachliche Dekonstruktionsarbeiten verrichtet, war in der Lyrikszene nach dem Tod Thomas Klings lange vakant. Am kompromisslosen Experiment versucht sich nun seit einiger Zeit der aus dem Saarland stammende, 1979 geborene Wahl-Berliner Konstantin Ames, der als selbsternannter „Schnösel vom Literaturinstitut“ schon einige exzellente Talentproben abgeliefert hat.

Nach einigen Auftritten in Zeitschriften und auf diversen Lesebühnen legt Ames nun via Direktvertrieb im Internet seinen ersten Gedichtband „Alsohäute“ vor, in der „roughbooks“-Reihe von Urs Engeler. Was Ames in einem Essay einmal als „Vershohnepipelung“ und „forcierte Flapsigkeit“ bezeichnet hat, wird hier mit Feuereifer in zwei Dutzend Gedichten zelebriert: eine zwischen Alltagswitz, Kalauer, hohem Ton und Sprachresteverwertung balancierende Wortakrobatik, die ihren Sprachstoff unablässig grammatischen Zerreißproben unterzieht.

Es geht hier nicht mehr um die Evokation von Befindlichkeiten oder gar Bekenntnisse eines lyrischen Ich, sondern um die Produktion einer sich permanent selbst generierender Sprachturbulenz. Der Autor posaunt diese Anstrengung nicht als avantgardistisches Dogma hinaus, sondern kennzeichnet das gelegentlich Hyperaktive seines Verfahrens selbstironisch: als Methode eines Vortragskünstlers, „der mit seinen mitunter experimentell lautmalerischen Fersen nur rumstampfte wie ein weinroter Elefant auf der Trommel“. Seine fröhliche Wissenschaft der Dichtkunst kommentiert Ames mit gewitzten Fußnoten und „tranchierten Poenten“: „Banane ist hase, ich weiß von nutz.“ In seinen Travestien von alten Gedichtformen lässt sich Ames als heiterer „Hölderloin“ gerne von seiner Lust am Assoziieren überwältigen. Noch fehlt der Eulenspiegelei manchmal die formale Disziplin. Aber die selbstkritischen Zurufe sind nicht zu überhören: „Dies Koma ist bezaubernd schön. Dies Koma ist nicht neu genug.“

(Michael Braun, Tagesspiegel, 19.03.2011)

Buch bestellen: http://www.roughradio.com/konstantin_ames/bestalsohaeute.html